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Leseprobe

Der Beschützer in dir

aus dem Buch von Birgit Funfack

Vorwort

Vielleicht hast du dieses Buch in die Hand genommen, weil irgendetwas nicht stimmt. Nichts Großes. Nichts Dramatisches. Nur dieses leise, anhaltende Gefühl: So hatte ich mir das eigentlich nicht vorgestellt.

Ich kenne dieses Gefühl. Nicht aus Büchern. Aus einem bestimmten Abend. Ich saß nach einem langen Tag am Küchentisch – alles in Ordnung, alle zufrieden – und plötzlich wusste ich nicht mehr, was ich selbst eigentlich wollte. Nicht was ich tun sollte. Was ich wollte. Der Unterschied fühlte sich an wie ein kleiner Schwindel.

Dieses Buch ist für Menschen, die zuverlässig sind, bevor sie ehrlich sind. Für die Verständnisvollen. Die Funktionierenden. Die, die oft erst später merken, dass sie sich selbst übergangen haben.

Es lädt dich ein, hinzusehen – auf die Momente, in denen du dich selbst verlässt. Auf das, was dein Körper längst weiß. Und darauf, wie du lernen kannst, in diesen Momenten bei dir zu bleiben und bewusst zu entscheiden.

Die Antwort ist sanfter, als viele denken: In dir wacht ein innerer Beschützer. Er meint es gut. Er hat dir einmal geholfen, in schwierigen Beziehungen sicher zu bleiben – heute springt er auch dann an, wenn längst keine Gefahr mehr droht. Dieses Buch verbindet meine langjährige Praxiserfahrung mit Erkenntnissen aus der Traumaforschung und der Arbeit mit schützenden inneren Anteilen – und mit meiner eigenen Geschichte.

Es geht nicht darum, dich zusammenzureißen oder ein anderer Mensch zu werden. Es geht darum, freier zu werden. Du lernst, den Moment vor deiner Anpassung wieder zu spüren, nicht mehr automatisch zu verschwinden. Und deinem Körper wieder zu glauben, ohne impulsiv oder hart zu werden.

In all den Jahren in meiner Praxis habe ich immer wieder dasselbe beobachtet: Der Moment, in dem jemand aufhört zu warten, dass sich die anderen ändern – und stattdessen spürt, dass er selbst eine Wahl hat – dieser Moment verändert alles. Nicht laut. Nicht auf einmal. Sondern Schritt für Schritt.

Du wirst dich an mehreren Stellen wiederfinden – und an manchen gar nicht. Das ist kein Widerspruch. Ein Mensch ist kein Muster.

Einen Schritt zur Seite. Mehr braucht es oft nicht. Von dort aus siehst du plötzlich etwas, das du vorher nicht sehen konntest.

Ich wünsche dir, dass du genau diesen Moment spürst – den stillen Augenblick, in dem du merkst: Ich habe eine Wahl. Und ich darf sie treffen.

Manches davon weiß ich nicht nur aus meiner Praxis, sondern aus meinem eigenen Leben. Davon erzähle ich dir an der Stelle, an die es gehört.

Was ich dir verspreche, ist nichts Großes. Nur die Richtung: nicht tiefer in die Schwere, sondern aus ihr heraus. Komm mit. Es wird leichter, als du jetzt vielleicht glaubst – und eines Tages wirst du über einiges lächeln, was dich heute noch eng macht.


Kapitel 1 – Der Moment, in dem du dich verlässt

Solche Momente fangen meistens klein an. So klein, dass du sie leicht übersiehst, wenn du nicht weißt, worauf du achten sollst.

Freitag, 16:07 Uhr. Du bist gedanklich schon im Wochenende. Die Mails sind beantwortet, der Rechner fast zu. Da steht dein Kollege in der Tür – einer, bei dem du ungern Nein sagst.

„Hast du kurz?“

Noch bevor du antwortest, passiert es: ein winziger Zug im Bauch, ein inneres Zurückweichen. Eigentlich nicht. Und trotzdem sagst du: „Ja, klar.“

Das Ja ist draußen, bevor das Nein in deinem Kopf fertig formuliert ist. Du lächelst, nickst, funktionierst – und innerlich bleibt etwas zurück. Ein leises Gefühl: Das war nicht ganz ich.

Vielleicht kennst du diesen Moment genau. Nicht als Drama, sondern als etwas Kleines, das fast sofort wieder verschwindet. Ein Satz, den du sagst, obwohl dein Körper etwas anderes meint. Ein Ja, das freundlich klingt und dich selbst ein Stück zurücklässt.

Das ist keine Schwäche. Und es ist auch kein Zufall.

Etwas in dir übernimmt in solchen Momenten die Führung – noch bevor dein klares Wollen zu Wort kommt. Ein innerer Beschützer. Er fragt nicht, was ehrlich oder stimmig wäre. Er fragt nur: Bin ich noch sicher?

Diesen Beschützer hast du nicht erst als Erwachsene bekommen. Er ist viel älter. Er entstand in einer Zeit, in der du gelernt hast, was nötig war, um dazuzugehören und sicher zu sein. Vielleicht in einer Familie, in der die Stimmung schnell kippen konnte. Vielleicht hast du als Kind gespürt: Wenn ich freundlich bin, unauffällig und angepasst, wird es für alle leichter. Vor allem für mich.

Was du heute tust, ist oft eine alte Schutzstrategie, die einmal sinnvoll war. In der Traumaforschung wird sie als Fawn-Response beschrieben – eine Überlebensreaktion neben Kämpfen, Flüchten und Erstarren. Damit ist hier keine Diagnose gemeint. Gemeint ist der Reflex, sich anzupassen, freundlich zu bleiben und die Bedürfnisse anderer vor die eigenen zu stellen, um Sicherheit oder Zugehörigkeit nicht zu gefährden.

Nicht, weil du schwach warst. Sondern weil dein Nervensystem damals herausgefunden hat: Das ist der sicherste Weg.

In deinem Inneren gibt es ein Alarmsystem, das ständig die Umgebung abtastet – noch bevor du bewusst etwas denkst. Es fragt nicht: Ist das vernünftig? Es fragt: Ist das sicher? Und weil es früh gelernt hat, dass Konflikt, Ablehnung oder Unstimmigkeit gefährlich sein können, schlägt es schon bei kleinen Signalen Alarm.

Der Beschützer ist der Diensthabende an diesem Alarm. Er will dich schützen – nur arbeitet er noch mit der Software von damals. Wie ein Rauchmelder, der nie ein Update bekommen hat und beim angebrannten Toast genauso schrill losgeht wie beim echten Feuer.

Nicht jede innere Alarmreaktion bedeutet, dass du heute wirklich in Gefahr bist. Manchmal reagiert dein Beschützer auf eine alte Erfahrung, obwohl vor dir nur eine unangenehme Situation steht.

Dieses Buch unterscheidet deshalb zwischen echter Gefahr, sozialem Druck und alter Gewohnheit. Gefahr braucht Schutz. Druck braucht Klarheit. Gewohnheit braucht Übung.

Hier endet die Leseprobe. Im Buch geht es an dieser Stelle weiter mit den vier Gesichtern des Beschützers – dem Beschwichtiger, dem Schweiger, dem Helfer und dem Getriebenen.

Möchtest du wissen, welches Gesicht in dir am häufigsten arbeitet?